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Lamu

20.03.2013 Die Stadt ist verwinkelt und eng. Zahlreiche Schattenspende Gassen durchziehen sie in einem labyrinthartigen Netz, das einen sofort in den Bann zieht und nur schwerlich wieder entlässt. Die Wege sind so eng, dass gerade einmal ein mit Sand, Zement oder Wasser beladener Esel hindurch traben kann. Die arabisch geprägten Häuser, hier traditionell aus Korallenstein gebaut, stehen dicht an dicht. Durch die offene Kanalisation fliesst ein stinkender Misch aus Abwasser und Müll direkt ins offene Meer.

Die Menschen sitzen in Gruppen an der Kaimauer und auf steinernen Bänken in Nischen vor ihren Hauseingängen. Viele schauen sinnierend auf das Wasser hinaus, andere unterhalten sich fröhlich. Im Wasser toben glückliche Kinder. Auf Fremde reagieren sie freundlich mit einem „Jambo!“ und das war es. Doch kaum bleibt man stehen, geht es mit den dann immer wiederkehrenden Angeboten los: eine Segeltour auf einer Dau oder einem Fischerboot, Eselreiten in die Dörfer oder an die Strände. Lehnt man dies ab, ist jedoch niemand beleidigt. Der Ort ist erfüllt mit einer geruhsamen Zufriedenheit, in der Eile ein Fremdwort zu sein scheint.

Lamu ist die Größte einer Gruppe von sechs bewohnten Inseln am nördlichen Küstenende Kenias, wenige Kilometer von Somalia entfernt. Die Insel ist Namensgeberin sowohl für die auf ihr errichtete Stadt als auch für den gesamten Distrikt. Die Esel, die scheinbar herrenlos durch die Gassen ziehen, der fröhliche Plauderton der Menschen und die in sich verschlungenen Rufe der Muezzine, die gleichzeitig zum Gebet in eine der über 40 Moscheen aufrufen, begleitet einen hier über den ganzen Tag. Das Klanggewirr wird durch keinen Autolärm gestört, denn für diese ist sprichwörtlich kein Platz auf der Insel. Nur die Stadtverwaltung und das Krankenhaus verfügen jeweils über ein eigenes Fahrzeug.

Die Abgeschiedenheit des Ortes ist ihr größtes Geschenk und Problem zugleich. In der Zeit des Osmanischen Reiches blühte Lamu als bedeutende Handelsstätte auf und schuf die eigenständige Kultur der Suaheli, deren bekanntestes Erbe die Sprache ist, die heute in ganz Ostafrika gesprochen wird. Von hier wurden zahlreiche Dinge, die in unsrer Zeit nahezu alle von jedem Zoll beschlagnahmt werden würden, mit kleinen Segelbooten, den Daus, nach Norden verschifft. Sklaven, Leopardenfälle, Elfenbeinschnitzereien und Teakholz gehörten dabei zu den wichtigsten Gütern, wovon mittlerweile nur noch das Letztgenannte an jeder Straßenecke auftaucht.

Da die Region mit keinen neuen Produkten auf den Niedergang dieser Epoche reagieren konnte, hat sich die damalige Zeit konserviert. Die Inseln sind so abgelegen, dass das restliche Kenia über Jahre hinweg kaum Notiz von ihnen nahm. Noch heute werden die traditionellen Bauweisen genutzt, die althergebrachten Boote gebaut. Mit diesen fahren sie mehrere Tage auf das offene Meer hinaus und trocknen währenddessen den Großteil ihres Fangs in der beißenden Sonne, um ihn anschließend als Trockenfisch zu verkaufen. Kühlvorrichtungen und Kajüten haben sie nicht zur Verfügung. Alternativ bieten sie aber auch gerne interessierten Touristen kurze Segeltrips an; ein bei Weitem lukrativeres Geschäft.

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