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Tote Ernte

22.03.2013 Eben war die kleine Josephine noch fröhlich. Hat die Fremden, die aus dem fernen Deutschland in ihr Dorf gekommen sind, mit großen Augen und strahlendem Lächeln begrüßt. Sogar mit einem ordentlichen Knicks, so wie ihr es die Lehrer beigebracht haben. Aber dann kam die Sprache auf ihr Leben, auf ihre Schulausbildung. Und die findet sie gar nicht mehr zum Lachen.

Früher, das war vor ungefähr einem Jahr, da ging sie noch in die gute Schule. Die auf dem hohen Berg gelegen ist und die von den Nonnen betrieben wird. Die, für die ihre Eltern jeden Monat ein bisschen Geld bezahlt haben. Die, in der sie sich nicht mit 40 anderen Mädchen einen kleinen Raum teilen musste und in der es sogar ein paar Computer gab. Doch dann kam die seltsame Seuche, die die Ernte ruinierte. Seitdem fehlt das Geld für gute Bildung und seitdem muss sie wieder in die hoffnungslos überlaufene öffentliche Schule gehen, bei der der Bildungsstandard weit niedriger liegt.

So wie Josephine geht es vielen Kindern in der Gegend von Kaplomboi, einer ländlichen Region 200km von der Hauptstadt Nairobi entfernt, auf halbem Weg zur berühmten Massai Mara gelegen. Die Kinder sind die ersten Leidtragenden aus dem finanziellen Engpass, in den viele Familien aus der Region geraten sind. Sie alle sind Kleinbauern, deren Haupterwerb aus dem Verkauf von Mais stammt. Und im letzten Jahr gab es eine erstaunliche Krankheit, die die Pflanzen von innen austrocknete. „So schlimm war es noch nicht einmal während der letzten Dürre, die wir hatten“, berichtet Peter. „Die Firma, von der wir das Saatgut beziehen, hatte keine Mittel, um das Problem in den Griff zu bekommen. Alles ist vertrocknet. Dabei gab es in dem Jahr sogar ausreichend Regen.“ Peter ist ganz ruhig, als er dies erzählt. Seine Baseballmütze ist tief in die Stirn gezogen, um ihn vor der Sonne zu schützen, seine Hand ruht sacht auf einen Spazierstock. Dennoch sei er immer noch sehr aufgebracht. Denn bis heute hat weder die Regierung noch die Saatgutfirma irgendeine Entschädigung gezahlt.

Den Namen der Krankheit konnte sich die Bevölkerung nicht merken. Aber insbesondere das teure Saatgut wurde von ihr dahingerafft, während die traditionellen Maissorten kaum darunter litten und gut gediehen. Neben der Robustheit haben die alten Sorten außerdem den Vorteil, dass ein Teil der Ernte direkt wieder als Saatgut benutzt werden kann, ohne dass dazugekauft werden muss. Allerdings können sie dieses Mais nur für den Eigenverbrauch anbauen, verkaufen können sie die Ernte nicht. „Die neuen Maissorten schmecken besser und bringen normalerweise einen höheren Ertrag. Außerdem sieht jedes Korn wie das andere aus. Bei der alten Sorte ist das nicht der Fall. Deswegen kauft uns die Maisfirma den nicht ab. Der Mais ist für die zu unrein.“

Der kenianische Getreideanbau ist seit der Unabhängigkeit in den 60er Jahren staatlich reguliert. Damals hatte die Regierung die großen Farmen der ehemaligen Kolonialherren übernommen und deren Land kleinparzelliert an Kenianer übergeben. Gleichzeitig schuf der Staat aber auch eigene Firmen und Genossenschaften, die für den Vertrieb von Saatgut und dem An- und Verkauf des Mais zuständig sind. Diese Organisationen haben zwar auf den ersten Blick keine gewinnwirtschaftliche Verbindungen miteinander, dennoch schüttelt Peter missmutig den Kopf. „Letztendlich gehören sie doch alle dem Staat und werden von wichtigen Männern kontrolliert. Die verdienen gutes Geld damit auf unsere Kosten.“

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