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"Selbst die würde ich zur Zeit auf mein Gelände lassen"

18.05.2014 Der Fahrer strahlt, als er mich an dem Plastiktisch des kleinen Flughafencafés entdeckt. „Wilkommen zurück“ freut er sich und packt sofort meine Tasche, um mit ihr zu seinem geparkten Auto zu entschwinden. Die Freude finde ich verstörend. Es ist kurz nach drei Uhr morgens und mich plagte schon ein schlechtes Gewissen ihn um diese Uhrzeit hier herzubestellen. Noch schlechter gefiel mir allerdings die Idee, mit einem mir unbekannten Fahrer durch die berüchtigten Straßen Nairobis zu fahren und in völliger Dunkelheit den Eingang zu der Jungle Junction, dem wichtigsten Treffpunkt Überlandreisender in Ostafrika, zu suchen.

Der Grund für die Freude erfahre ich wenig später. Seit dem Westgate-Anschlag im vergangenen Jahr, bei dem islamistische Kämpfer eines der beliebtesten Einkaufszentren stürmten und um das anschließend vier Tage lang erbittert gekämpft wurde, ist das Land nicht mehr zur Ruhe gekommen. Seit Monaten werden wöchentlich Anschläge verübt. Mal in der beliebten Touristenregion um Mombasa, meistens aber in der Hauptstadt. Die Ziele, Methoden und Orte der Attentate wechseln, immer sind sie aber leicht verwundbar: Marktplätze, Kleinbusse, Polizeicheckpoints. Soweit war mir die Situation bekannt. Auch, dass sich das auf das Gemüt von Touristen niederschlägt. Doch das tatsächliche Ausmaß der Situation und damit dem Grund für die Freude über mein Erscheinen eröffnet sich mir erst, als wir durch die Tore des beliebten Campingplatzes fahren. Zwei Hektar Fläche – für mich ganz allein. Abgesehen von den circa zehn Angestellten und zwei Wachhunden. „Meine Fresse“, denke ich mir und bau das Bett von der „Lady“ auf, dem dreiachsigen Allradtruck, mit dem meine Freundin und ich vor vier Jahren von Deutschland aus hergefahren waren.

Anscheinend gibt es derzeit keine Individualreisenden in dem schönen afrikanischen Land. Und die Touristen, die sich noch herwagen, befinden sich in den sicheren Urlaubsbunkern der Küstenregion. Aus denen trauen sie sich, wenn sie die Sicherheitswarnungen des Auswärtigen Amts befolgen, allerdings auch nicht heraus. Eine Katastrophe für die vielen Menschen, die von den Urlauber leben. Allerdings eine, die mittlerweile Tradition hat. Denn seit den Wahlunruhen vor sieben Jahren hat die Tourismusbranche es nie wieder zu ihrer alten Blüte geschafft.

Ich bin diesmal nur kurz in Kenia. Die Organisation Fairtrade ist derzeit erstmals dabei, Sozial- und Umweltsstandards für Goldabbau einzuführen und arbeitet dafür mit zehn Goldminen in den drei Ländern Kenia, Uganda und Tansania zusammen. In Geita, Tansania, findet ein Treffen aller Projektinvolvierten statt, zu dem ich eingeladen bin, da ich die Entwicklung der Goldminen in den kommenden Jahren in Form einer Promotion begleiten möchte. Ich werde dahinfahren, nachdem ich einige Termine in Nairobi wahrgenommen habe.

Die Einführung der Goldabbau-Standards stellt nicht nur einen historischen Schritt für die Organisation Fairtrade dar, die sich bislang auf Agrarprodukte wie Kaffee, Kakao oder Blumen konzentrierte – sondern sie ist an sich genommen auch ein enorm ambitioniertes Ziel. Denn der von Hand ausgeführte Goldabbau bedient sich historisch anmutender Methoden, die, gebe es dafür eine verbindliche Skala, in allen Bereichen wie negative Auswirkungen auf die Gemeinde, Umweltzerstörung, Kinderarbeit, Intransparenz, Schaffung patriarchischer Strukturen, Rechtelosigkeit oder Etablierungen von einseitigen Abhängigkeiten, Höchstwerte erzielen würde. Ich bin gespannt ob es funktionieren wird, die Kinderarbeit von den Minen zu verbannen, den Einsatz von Quecksilber auf ein Minimum zu reduzieren und allen Arbeitern einen formelle Anstellung inklusive Krankenversicherung und Rentenanspruch zu bieten.

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